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Gesellschaft : ZDF, Nachwehen einer Sendung: ein (zu) hoher Preis für Ruhe
Geschrieben von hema am 15.10.2007 19:15 (2812 x gelesen)

Das ZDF hatte im September einen Beitrag von Joachim Bublath zur Alternativmedizin gesendet. Nach massiver und konzertierter Kritik knickte das ZDF jetzt ein. Ein Lehrstück.

Eigentlich hatte Joachim Bublath in seiner Sendung vom 5. September nur ein wenig von dem zusammengetragen, was man korrekterweise zu verschiedenen alternativmedizinischen Angeboten sagen kann. Trotzdem sorgte die Sendung bei Profiteuren und Gläubigen der Alternativmedizin für enorme Aufregung: es gab Stellungnahmen und gelinde Androhungen rechtlicher Schritte, verbales Fäusteschütteln im zugehörigen ZDF-Forum und Aufrufe, Bublaths email-Postfach zu überfluten.

Der "Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte" sah sich direkt nach der Sendung zu folgender Stellungnahme aufgefordert:

Zitat:

Verheerende Zuschauerkritik auf Bublaths Alternativmedizin-Veriss
Gesundheit & Medizin
Pressemitteilung von: Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte
PR Agentur: Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte
Ein Kommentar zur Sendung "Die modernen Wunderheiler", ZDF, 5.09.07, Wissenschaftsmagazin Joachim Bublath:
Mit Ekelfleischbildern, Kakerlaken und längst widerlegten Studien trat Joachim Bublath an, das von ihm selbst entworfene romantische Homöopathie-„Bild vom Menschen im Einklang mit der Natur“ auseinander zunehmen. Alles Glaubenssache, alles Placebo, so dass Fazit dieser Sendung, die sich nicht die Mühe machte, Behauptungen zu belegen oder – gehört das nicht auch zum Wissenschaftsjournalismus? – die andere Seite zu zeigen. Selbst beim Fernsehmeerschweinchen wirkte (ja, wirkte!) die Homöopathie, aber auch hier nur durch die Streicheleinheit. Und bei der Schweineherde? Glauben Sie, Herr Bublath, der Tierarzt geht Tiere liebkosend und Arzneimittel gebend durch den Stall? Nein, das kriegt kein Schwein mit – lesen Sie es nach: www.carstens-stiftung.de/eigene/vet/index.php.
Die ZDF-Zuschauer haben zum Glück eine eigene Meinung, sie ist verheerend: www.zdf.de/ZDFforum/ZDFde/inhalt/2/0,1872,5249314,00/F498/
Christoph Trapp
Presse- & Öffentlichkeitsarbeit
Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte
Am Hofgarten 5, 53113 Bonn
Tel 0228 - 2425332, Fax 0228 – 2425331
presse@dzvhae.de, www.welt-der-homoeopathie.de

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) wurde 1829 in Köthen (Anhalt) gegründet und ist der Berufsverband der Ärztinnen und Ärzte, die über die Zusatzbezeichnung "Homöopathie" verfügen. Der Verein hat etwa 4.000 Mitglieder, die Hälfte sind Vertragsärzte. Neben den gesundheits- und berufspolitischen Aufgaben setzt sich der DZVhÄ für eine qualifizierte Weiterbildung "Homöopathie" und der Förderung der Forschung ein.


Quelle: Open PR Presemitteilungsportal

Nach einem Monat Überlegung, wohl wie man dem ZDF noch Ärger bereiten könne, wurde dies hier nachgeschoben:

Zitat:
Homöopathische Ärzte wollen Gegendarstellung vom ZDF gerichtlich durchsetzen

(lifepr) Bonn, 08.10.2007 - Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) hat kurz nach der ZDF Wissenschaftssendung Joachim Bublath vom 5. September eine Gegendarstellung gefordert. Es geht um die Aussage: "In keiner wissenschaftlichen Studie waren die homöopathischen Mittel wirksamer als die Placebos." Dies wurde sowohl in der Sendung gesprochen, als auch in ähnlicher Formulierung auf der Website des ZDF geschrieben. Inzwischen wurden auf der betreffenden Website alle Inhalte entfernt, der DZVhÄ begrüßt dies und wertet das Löschen als stillschweigende Richtigstellung. (Links zu den Originalseiten unten)Die Gegendarstellung wurde vom ZDF allerdings – teils aus formalen Gründen, teils aus inhaltlichen Gründen - abgelehnt. Der DZVhÄ hat seine Forderung auf Gegendarstellung nun mit Hilfe eines Anwalts erneuert. Der Hamburger Medienanwalt Helmuth Jipp hat heute beim Landgericht Mainz einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung eingereicht. Der DZVhÄ fordert das ZDF auf, in der Sendung am 10. Oktober folgenden Satz zu verlesen:

"Diese Behauptung ist unrichtig. In zahlreichen, nach wissenschaftlichen Regeln durchgeführten Einzelstudien und auch in Metaanalysen konnte eine signifikante Überlegenheit homöopathischer Arzneimittel gegenüber Placebos nachgewiesen werden."

In der Bublath-Sendung "Die modernen Wunderheiler" wurden auf sehr schlichte Art und Weise alternative und/oder komplementäre Heilverfahren verrissen, so auch die Homöopathie. Die Placebo-These wird von der ZDF-Redaktion Naturwissenschaft und Technik begründet mit der vor zwei Jahren im britischen Lancet veröffentlichten Studie von Prof. Matthias Egger, Universität Bern. Diese Arbeit war Teil des Programms zur Evaluation der Komplementärmedizin (PEK), das vom Schweizer Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde. Die Studie erregte seinerzeit großes Aufsehen und wurde von Lancet kommentiert mit "Das Ende der Homöopathie". Doch nach und nach kamen die Fakten ans Licht: Diese Studie ist nichts als eine "statistische Operation", so die Schweizerische Ärztezeitung. Am Anfang standen 110 Studien verschiedener Bereiche der Homöopathie – es wurden Einzelmittel- und Komplexmittelverordnungen gemischt – und 110 Studien der Schulmedizin. Das Ergebnis war positiv für die Homöopathie, sprich höher als Placebo. Dann wurden die insgesamt 220 Studien zunächst auf 21 homöopathische und acht konventionelle Studien reduziert aufgrund von Kriterien, die in der Studie nur relativ vage beschrieben werden; schließlich wurde noch einmal reduziert, es blieben nun acht Homöopathie-Studien und sechs konventionelle. Durch statistische Hochrechnung wurde "die größte Homöopathiestudie aller Zeiten" erreicht, mit dem Ergebnis, dass "die klinischen Effekte der Homöopathie Placeboeffekte sind." "Die Studie ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben wurde", urteilt Peter Mattmann, Mitglied der PEK-Expertengruppe. Seine Begründung: "Die Berner Wissenschaftler haben einen völlig falschen Ansatz gewählt, der der Homöopathie nicht gerecht wird. Ihre Studie ist mit grundlegenden Fehlern behaftet. Die Aussagekraft ist gleich null."

Die PEK-Hauptstudie war eine Evaluation der real praktizierten Komplementärmedizin in der Schweiz. Sie durfte unter Androhung rechtlicher Schritte nicht veröffentlicht werden. Der erste Schlussbericht war nicht im Sinne Gesundheitsministers Couchepins; er enthielt die Empfehlung, anthroposophische Medizin, Phythotherapie und Homöopathie in der Grundversicherung zu belassen. Die Empfehlung wurde gestrichen, die Methoden herausgenommen.

Mitte September 2007 hat der Schweizer Nationalrat die Bereitschaft signalisiert, einzelne alternative Heilmethoden, wie die Homöopathie, wieder in die Grundversicherung aufzunehmen und die Komplementärmedizin in Forschung und Lehre umfassend zu berücksichtigen. Denn auch das Kostenargument ist inzwischen vom Tisch: Tatsächlich verursachen alternative Behandlungsmethoden mit 60 bis 80 Millionen Franken laut Presseberichten nur jeweils rund 0,3 Prozent der Gesamtkosten in der Grundversicherung. Von der Egger-Studie redet niemand mehr, jedenfalls nicht in der Schweiz.

Ansprechpartner:

Herr Christoph Trapp
Presse- & Öffentlichkeitsarbeit


Das ist natürlich eine Albernheit, denn das Recht auf eine Gegendarstellung ist ein Persönlichkeitsrecht. Abstrakte Entitäten wie "die Homöopathie" sind nicht gegendarstellungsfähig. Auch eine "Korrektur" in dem Sinne des Zentralvereins hat wenig Aussicht, vor Gericht tatsächlich einzuklagen zu sein. Selbst wenn die Aussage definitiv falsch und nicht nur ein wenig unpräzise wäre, würde doch das Fazit der Redaktion durch Meinungs- und Pressefreiheit geschützt. Es wird ein wenig im dunklen juristischen Wald gepfiffen, gerade genug um die eigene, juristisch meist unkundige Anhängerschaft in dem Glauben zu wiegen, man werde eine solche Majestätsbeleidigung nicht hinnehmen und müsse dies auch nicht. Tragisch ist nun, dass das ZDF sich nicht hinter Bublath stellt, sondern vor den Kritikern, die auch in Ermangelung tatsächlicher Sachargumente nicht vor persönlichen Attacken zurückschrecken, einknickt. Was fürchtet das ZDF eigentlich? Was hat es zu verlieren, was zu gewinnen, wenn es im Fazit wahrheitsgemäße Darstellungen so kampflos preisgibt?

Darf man demnächst erwarten, dass kirchlichen Gruppierungen demnächst ein Recht auf "Gegendarstellung" in Wissenschaftssendungen zur Evolution eingeräumt wird?

Im Rundfunkstaatsvertrag, dem auch das ZDF nach Satzung (auch dort wird der Auftrag nach RStV noch einmal explizit und fast gleichlautend formuliert) verpflichtet ist, steht im Paragraphen 11:

Zitat:
§ 11 Auftrag

(1) Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat durch die Herstellung und Verbreitung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken. Er kann programmbegleitend Druckwerke und Telemedien mit programmbezogenem Inhalt anbieten.

(2) Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat in seinen Angeboten und Programmen einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Er soll hierdurch die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern. Sein Programm hat der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Er hat Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.

(3) Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat bei Erfüllung seines Auftrags die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit der Angebote und Programme zu berücksichtigen.


Quelle: Rundfunkstaatsvertrag

Das ZDF hat mit dem gesendeten Beitrag seinen Auftrag erfüllt, genauso wie es durch Löschung dieses Beitrags jetzt gegen seinen Auftrag verstößt. Es verunmöglicht nämlich genau eine freie und objektive Meinungsbildung, indem es sich selbst beschränkt. Während bei euphemistischen Berichten zur Homöopathie nicht mit einem derartigen konzertierten Echo zu rechnen ist, nicht mit juristischen Konsequenzen gedroht wird wegen Falschdarstellung, läßt sich das ZDF nach diesem wichtigen Beitrag zur öffentlichen Diskussion ins Bockshorn jagen. Durch diese Selbstbeschränkung entsteht also eine Schieflage in der öffentlichen Wahrnehmung. Gero von Randow schreibt zutreffend heute in der "Zeit" von der "Selbstzensur im ZDF":

Zitat:
Ein Vorgang, aus dem dreierlei über Journalismus gelernt werden kann. Erstens: Die öffentlich-rechtliche Struktur eines Senders garantiert mitnichten, dass die journalistische Ethik durchgehalten wird. Anstatt beispielsweise eine Diskussionssendung oder eine Netzdebatte anzusetzen, ging die Chefetage vor der Lobby in die Knie.

Zweitens: Das Internet zwingt den Journalismus in die öffentliche Auseinandersetzung, weshalb es mehr denn je auf das Rückgrat des Journalismus ankommt. Woran es diesmal fehlte. Drittens: Die Besonderheitern des Internets werden von traditionellen Medienhäusern oft nicht recht verstanden. Wie sonst konnten die ZDF-Oberen glauben, es brächte etwas, einen Beitrag aus dem Netzangebot zu entfernen? Was einmal mit Netz steht, wird man nicht mehr los. Im Internet versendet sich nichts. Seine Inhalte erscheinen auch nicht auf einem Substrat, mit dem sich anderntags Fisch einwickeln ließe.


Rechte verkümmern, wenn man sie nicht nutzt. Wenn man nicht mehr sagen darf, dass 2 und 2 vier ist, weil es eine lautstarke Lobby für das "Ergebnis" fünf gibt, gibt man einen Teil der Realität preis und begibt sich in eine Spirale der Irrationalität. Mehr noch, man verhindert, indem man nicht für die Wahrheit streitet, dass die Menschen das korrekte Ergebnis kennenlernen und sich selber ein Bild machen können. Manchmal darf der Klügere nicht nachgeben, weil er sonst der Dummheit den Weg bereitet. Speziell in diesem Fall wird den Profiteuren der Weg bereitet, die ungestört und möglichst unbehelligt von realistischen Einschätzungen ihren Geschäften nachgehen wollen. Die Zucker und Wasser in Verbindung mit ein bisschen pseudopsychologischem Getue als Arzneien verkaufen wollen. Die ihr Geschäft zur Not über den Kadi schützen lassen, anstatt Argumente zu liefern. Die ihr Recht auf Meinungsäußerung immer einfordern, weil sie nicht mehr als ein bissel interessengeleitete Meinung haben, es aber anderen nicht zugestehen wollen, die handfeste Agumente und Fakten auf ihrer Seite haben. Meinung alleine schafft keine Realtität; wirtschaftliche Realität, nämlich ein florierendes Geschäft mit der Unwissenheit der Bevölkerung, kann sie jedoch sehr wohl schaffen.

Anstatt den "Fall" ruhig den Haus-Justiziaren vorzulegen und die Kritiker kommen zu lassen, hat man in vorauseilendem Gehorsam dem Druck der Gläubigen und Geschäftemacher nachgegeben. Der nächste Journalist, der sich kritisch zur Alternativmedizin äußern will, wird aus dem Fall seine Lehren ziehen: nämlich die, dass das ZDF sich nicht einmal hinter einen verdienten Mann wie Bublath UND die Wahrheit stellen mag, sondern dem Stammtisch und juristischen Drohgebärden nachgibt.

Das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern hätte beim ZDF kein Happy End: "Schneider und Söhne" wären noch dick im Geschäft, hätten sie dem Kind und seinen Erziehungsberechtigten nur eine einstweilige Verfügung angedroht.

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