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     Urköstler leben gefährlich
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Autor Diskussion
hema
Veröffentlicht am: 15.01.2006 11:38
Webmaster
Registriert seit:: 23.04.2004
Aus::
Beiträge: 794
Urköstler leben gefährlich
In der Bevölkerung sind 8% Vegetarier, wobei deutlich mehr Frauen (13%) als Männer (3%) vegetarisch leben. Die Vegetarierszene unterteilt sich in die gemäßigten Vegetarier, die zum Beispiel noch Eier und/oder Milchprodukte zu sich nehmen (Ovo-Lacto-Vegetarier) und auch Lebensmittel in gekochter Form, und extremere Formen wie die Veganer (keinerlei tierische Produkte), Rohveganer (nur rohe vegane Lebensmittel) und Urköstler nach Franz Konz (auch kein Getreide mehr mit Bevorzugung von Wildpflanzen, die empfohlen ungewaschen verzehrt werden sollen).

Neben der bewußten Lebensweise, die von allen Gruppierungen betont wird, werden insbesondere bei den extremeren Formen auch gesundheitliche Vorteile behauptet, die ohne Beleg sind. Besonders bei der Urkost werden die Anhänger dieser Kostform zusätzlich von den sinnvollen Maßnahmen der wissenschaftlichen Medizin entfremdet. Konz und Brigitte Rondholz, die ein Forum für Anhänger betreibt, wenden sich nicht nur gegen Tierversuche, sondern auch gegen Impfungen, Antibiotika und andere belegt sinnvolle Maßnahmen der wissenschaftlichen Medizin. Insbesondere mit ideologischen Impfgegnern wird der Schulterschluß geübt, Infektionskrankheiten werden als für Urköstler nicht gefährlich dargestellt. Missioniert werden die Anhänger mit "Informationen" vom klein-klein-verlag, also Stefan Lanka und Karl Krafeld, von Hans Tolzin und Angelika Kögel-Schauz.

Selbst die Akutmedizin wird mittlerweile in Frage gestellt. Bei den meisten Erkrankungen raten sich die Anhänger untereinander zum einen dazu, nicht zum Arzt zu gehen, und zum anderen, Selbstbehandlungen durchzuführen. Menschen, die diese Selbstbehandlungen überstehen, werden in der Anhängerschaft allgemein bewundert.

Wenn man es erwachsenen Menschen auch freistellen muss, sich nach Belieben, auch wenn diese Vorstellungen auf Desinformation beruhen, selbst zu schädigen, ist es doch nicht hinnehmbar, dass Kinder zu Schaden kommen. Urköstler definieren Entwicklungsdefizite einfach um. So werden oftmals kleine und magere Kinder als "naturgemäße Norm" definiert, während die "Schlechtkostkinder" übermäßig und "zu schnell" wachsen würden. Entwicklungsstörungen oder -verzögerungen werden kleingeredet. Im Extrem führt diese Grundhaltung dann zu Fehleinschätzungen des Gesundheitszustandes durch die Eltern wie bei dem kleinen Leon, der mit 16 Monaten nur 4 kg (!) wog und starb.
hema
Veröffentlicht am: 26.10.2006 22:34
Webmaster
Registriert seit:: 23.04.2004
Aus::
Beiträge: 794
Re: Urköstler leben gefährlich
Im Urkostforum findet es anscheinend niemand gefährlich für ein Kind und dessen Hörvermögen, wenn die Mutter nach Arztbesuch (immerhin ging sie da ja noch hin) das Antibiotika-Rezept für die Behandlung der diagnostizierten Mittelohrentzündung direkt wegwirft:

"hallo ihr lieben,

mein Sohn hatte heute Nacht hohes Fieber bekommen, Husten und Schnupfen. Meine Ärztin war leider nicht da, aber ihre Vertretung meinte, dass es Mittelohrentzündung sei und er soll Antibiotika nehmen. Den Rezept habe ich gleich weggeworfen...aber kann ich ihm irgendwie helfen, die Schmerzen zu lindern, oder verhindern, dass es eitert? ich weiß, dass sich das zurückbilden kann. Ich ernähre mich vegan Rohkost, und Vincent wird noch jede 3 Std. rund um die Uhr gestillt. Na ja, aber wir leben an einer hoch frequentierte Strasse, der Lärm aber auch die Abgasen sind natürlich für unsere Gesundheit sehr belastend. Für paar gute Tipps würde ich ihnen sehr dankbar."

Quelle: http://f25.parsimony.net/forum63512/messages/73216.htm

Dann schlug die Stunde der Heimwerker in Sachen Kindergesundheit (eine Auswahl der Tipps):

1. "eine Knoblauchzehe etwas anschneiden und dann leicht ins Ohr einzuführen (natürlich nicht ganz hineindrücken, eher so außen hinlegen). Die Knoblauchzehe könne nicht ins Ohrinnere wandern. Seither mache ich das bei meinem Sohn auch, vor allem, wenn er schläft (gerade wenn er Fieber hat, tut er das ja oft). Ansonsten lasse ich das Ohr offen und bin einfach nur für das Kind da."

2. "Unsere antroposophische KÄ verschreibt in dem Fall. Apis/Levisticum 2 als Globuli von Wala. Damit kannst du nichts falsch machen entweder es wirkt oder nicht. Nebenwirkungen gibt es keine. Es sei denn Dein Sohn ist auf Bienengift allergisch. Ein Bekannter von mir der darauf allergsich reagiert hat diese trotzdem vertragen. Die sind ja so stark homöpathisch verdünnt, dass die normalen Medinziner ja meinen da ist nix drin, aber wirken tut es halt trotzdem ´meist, ob es jetzt eine Placeboreaktion ist oder nicht sei mal dahingestellt.
Das Mittel hilft normalerweise ziemlich schnell innerhalb von 15 Min."

3. "unsere anthroposophische Ärztin damals empfahl mir Zwiebeln mit der Knoblauchpresse auszupressen und den Saft mit einer Pipette (bekommst Du in der Apotheke) ins Ohr zu träufeln. Das natürlich nur, wenn das Ohr nicht näßt. Behalte die Ruhe, es heilt quasi von allein, Du brauchst kein Antibiotikum, zumindest ging es bei uns ohne. Bei Till ging sogar mal das Trommelfell auf und alles konnte abfließen. Das hat mich damals erschreckt, aber es war ok und heilte schnell und heute hört er besser als viele andere Kinder (laut Hörtest). Ansonsten immer eine Mütze aufsetzen. Nachts kannst Du den Kopf höher betten, damit alles besser abfließen kann. Meersalz-Nasenspray soll die Sache auch im Fluß halten, wenn das für dich ok ist."

4. "das beste mittel, das ich da kenne, ist:
1 teelöffel honig in ein glas wasser, mit warmem wasser auflösen,
1 teelöffel zitronensaft und
1 " olivenöl
dieses getränk schluckweise trinken hilft sehr gut und viele schwören schon darauf."

5. "ich mache immer gute Erfahrungen mit Ohrkerzen bei meinen Kindern.
Vielleicht versuchst Du es mal damit und leg ihn oft an, damit er Liebe spürt."

6. "Evtl. kannst Du ein Leinensäckchen (oder eine Socke) nehmen und mit gehackten Zwiebeln füllen, die Du zuvor etwas erwärmt hast. Dann auf das Ohr legen. Darf natürlich nicht heiss sein. Die Zwiebeldämpfe wirken antibiotisch und nehmen idR den Schmerz sehr schnell weg. Das hat bei unseren Kindern bisher immer funktioniert, war aber bei zwei Kindern insgesamt nur 4 Mal nötig.

Bei sehr hohem Fieber (über 40°) kann man zur Entlastung Wadenwickel machen."

Die Mutter darauf:

"vielen Dank für euere Antworten. Vincent ist erst 11 Monate Alt, ich weiß nicht ob er das mit dem Säckchen mitmachen wird (er hasst Mützen und zieht sie immer aus), könnte ich ihm auch der Saft einer frisch gepresste Zwiebel ins Ohr tropfen? ja Fieber hatte er auch fast 40, jetzt ist es besser geworden."


Einen Tag später:

"vielen Dank an alle für euere tolle Tipps.Vincent geht es schon viel besser. Ich habe es mit den Zwiebeln und Wadenwickel gemacht und stündlich gestillt. Er wollte auch nichts anderes essen. Heute ist er Fieberfrei und war schon sehr gut drauf."


Das Kind hat Glück gehabt, dass die Infektion wohl nicht so schwerwiegend war. Es ist rational nicht nachzuvollziehen, dass Mütter wirksame und nebenwirkungsarme Antibiotika ablehnen, um sich von anderen ungebildeten oder fehlinformierten Laien alle möglichen Tipps zu holen, aus denen sie dann willkürlich auswählen. Wie natürlich sind Globuli oder Ohrkerzen? Es findet auch niemand merkwürdig, dass zwei unterschiedliche anthroposophische Kinderärztinnen unterschiedliche Empfehlungen geben; dass diese Empfehlungen nicht gleichermassen die beste Behandlung selbst nach deren Binnensicht darstellen können oder diese Empfehlungen nicht übertragbar (weil "individuell" nach anthroposophischer Sicht) sein könnten, übersteigt anscheinend das Begriffsvermögen der schreibenden Urköstler. Die wissenschyanschaftliche Medizin wird strikt und unreflektiert abgelehnt, ebenso strikt und unreflektiert wird jeder Hausmittelund Scharlatan-Quark als ernsthafte Option betrachtet.

Genau deshalb, weil nämlich niemand diesem irrationalen Treiben auch nur im Ansatz widerspricht, ist die Urkost mehr als eine Ernährungsform: Konz/Rondholz haben sie zu einer alternativen Weltanschauung ausgebaut. In dieser Parallelwelt müssen Kinder halt leiden. Aber wen kümmern schon Kinderschmerzen, Hauptsache man fühlt sich dem Arzt überlegen mit Ohrkerzen und Globuli (kein einziger der Tipps wurde hinterfragt oder als "für die Tonne" eingestuft, eine Entscheidung, die die Mutter für "den Rezept" sofort gefällt hatte...).
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